Mit Sorge beobachten die in der DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. vereinten Chemiker und Ingenieure aktuelle Entwicklungen an den Hochschulen und Universitäten unseres Landes, die dem Stellenwert der Technischen Chemie für die Ausbildung von Chemikern nicht mehr gerecht werden.
Es besteht die Gefahr, daß die erforderliche Kompatibilität von universitären Ausbildungsinhalten und dem Qualifikationsprofil des von der Industrie dringend benötigten wissenschaftlisch-technischen Nachwuchses verloren geht. Hierzu tragen falsche Prioritätensetzungen der Universitäten bei der Umsetzung unvermeidbarer Sparmaßnahmen der Länder und bei der Definition von Studieninhalten im Zuge der Einführung neuer Bachelor- und Masterstudiengänge gleichermaßen bei.
Gemeinsam mit anderen wissenschaftlich-technischen Gesellschaften sowie den einschlägigen Industrie-, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden war die DECHEMA 1996 an der Entwicklung des Würzburger Modells beteiligt, das den Erfordernissen der Absolventennachfrage entsprechend die Technische Chemie zu einem integralen Bestandteil der Chemikerausbildung erklärt hat. Auch die Ausbildung von Biotechnologen kann auf die Studieninhalte der Technischen Chemie nicht verzichten.
Der Trend, junge Chemiker in der chemischen Industrie zu Beginn ihrer Karriere nicht mehr überwiegend in der Forschung einzusetzen, sondern ihnen auch andere Einsatzgebiete, z.B. in der Produktion, in der Produktentwicklung oder in der Anwendungstechnik zu erschließen, hat den Bedarf nach Chemikern mit einer Ausbildung in Technischer Chemie deutlich erhöht. Diesem Anspruch der Industrie wurden bisher vor allem die Hochschulen in den ostdeutschen Bundesländern gerecht, in denen eine Ausbildung in Technischer Chemie obligatorisch war.
Die gegenwärtigen Entwicklungen lassen aber auch dort schwere Einbrüche befürchten. Das bereits bestehende Defizit in der Chemikerausbildung an den Hochschulen und Universitäten manifestiert sich auch in der Tatsache, daß die von der DECHEMA angebotenen Weiterbildungskurse im Fach Technische Chemie und deren Teilgebieten jährlich von über 300 Teilnehmern aus Industrie und Hochschule besucht werden. Als vor etwa zehn Jahren viele Chemieabsolventen stellungslos waren, konnten diese am Arbeitsmarkt erst nach einer einjährigen Zusatzausbildung in Technischer Chemie erfolgreich vermittelt werden.
Wir halten es für eine folgenschwere Fehlentwicklung, wenn der noch bestehende strukturelle Vorteil der deutschen universitären Chemieausbildung im Hinblick auf das Fachgebiet Technische Chemie durch eine verfehlte Sparpolitik verloren geht. Weiterhin setzen wir uns dafür ein, in den Empfehlungen zur Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen an deutschen Hochschulen die Technische Chemie nicht aus dem Kanon der obligatorischen Pflichtfächer herausfallen zu lassen, was das ohnehin schon bestehende Ausbildungsdefizit noch weiter vergrößern würde, sondern sie entsprechend ihrem Stellenwert und ihrer Bedeutung in diesen Empfehlungen fest zu verankern.
Mit Nachdruck bitten der DECHEMA-Vorstand und der DECHEMA-Unterrrichtsauschuß Technische Chemie deshalb alle Entscheidungsträger in den Wissenschafts- und Kultusministerien und an den Universitäten, dafür Sorge zu tragen, daß die Technische Chemie an den wissenschaftlichen Hochschulen und Universitäten in Lehre und Forschung nachhaltig gesichert wird. Dazu bedarf es auch der Bereitstellung einer ihrer Aufgabe und Bedeutung angemessenen personellen und finanziellen Ausstattung.
Die DECHEMA (Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V.) ist eine gemeinnützige wissenschaftlich-technische Gesellschaft mit Sitz in Franfurt/Main. Sie wurde 1926 gegründet. Mittlerweile gehören ihr mehr als 5.000 Naturwissenschaftler, Ingenieure und Firmen, Organisationen und Institute als Mitglieder an. Ihr Ziel ist, es den technischen Fortschritt auf den Gebieten Chemische Technik, Biotechnologie und Umweltschutz zu fördern und mitzugestalten. Mit ihren vielfältigen Aufgaben ist die DECHEMA Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit.
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