Statement Prof. Klaus Ammann
Direktor des Botanischen Gartens, Universität Bern
Grüne Gentechnik im Ländervergleich: Status quo in der Schweiz
Am 1. Januar 2004 trat das vom Schweizer Parlament im vergangenen Jahr verabschiedete Gentechnik- Gesetz (GTG) für die Anwendung der Gentechnik im außerhumanen Bereich in Kraft, es ist eines der strengsten der Welt.
Es hält im Zweckartikel des Gesetzes aber auch fest, dass diese neue Technik dem Wohle des Menschen, der Tiere und der Umwelt dienen soll. Nun sind ganz klare Leitplanken für den verantwortungsvollen Einsatz der modernen Biotechnologie in der Forschung und insbesondere in der Landwirtschaft gegeben. Man erwartet deshalb neue Impulse für die Forschung, die in Sachen Biotechnologie mit einem sehr engen Kreis von Ländern seit Jahren eine Weltspitzenstellung innehält.
Dem arbeitet nun die Moratoriums-Initiative entgegen, die für ein fünfjähriges Verbot von Kommerzialisierungen gentechnisch veränderter Kulturpflanzen plädiert. Es ist bemerkenswert, dass die Initiative hauptsächlich von Kreisen initiiert wurde, die auch nach einem allfälligen Ende des Moratoriums strikt - wie schon bei der vorigen Abstimmung 1998 - gegen die Einführung der Grünen Gentechnik in der Landwirtschaft sind. Diese Initiative entpuppt sich bereits jetzt als Mogelpackung. Dieses Moratorium, unter dem Deckmäntelchen des Vorsorgeprinzips, soll nach Absicht der Gentechnik-Gegner das Ende für eine mit gentechnologischen Züchtungsmethoden arbeitende Landwirtschaft einläuten. Abgesehen davon wird es auch ein sehr negatives Signal für die Forschung bedeuten. Der Brain Drain wird noch augenfälliger werden, und dies trotz einer Spitzenstellung der Biotechnologie-Forschung in der Schweiz.
Während sich in Grossbritannien und Deutschland doch langsam eine Morgenröte abzeichnet, wird diese Moratoriumsdiskussion in der Schweiz lähmend wirken. Dabei wäre es dringend erforderlich, dass an den schweizerischen Hochschulen endlich energisch an den Problemen der eigenen Landwirtschaft geforscht würde, so zum Beispiel an einer Resistenz gegen die Kartoffelfäule. Gentechnisch veränderte Kartoffeln würden auch hinsichtlich der Koexistenz völlig unproblematisch sein, denn der Genfluss bei Kartoffeln ist in unseren Landen gleich null. Die Kartoffelfäule hingegen ist - besonders in regenreichen Sommern - ein großes, dringend zu lösendes Problem. Konventionelle Methoden haben hier bisher versagt, dies nicht zuletzt bedingt durch die speziellen flexiblen Erbeigenschaften des Erregers der Kartoffelfäule, der ein sehr besonderer ‚Algenpilz’ ist.
Dieser Tage wird ein neuer Bericht der National Academy of Science der USA erscheinen, der einige sehr interessante Methoden beschreibt, wie eine unwillkommene Auskreuzung verhindert werden kann.
Studien und Hintergründe
Es soll hier kurz auf zwei Untersuchungen eingegangen werden, die gerade dieser Tage von Gegnern der Grünen Gentechnologie zitiert werden:
1. Die im Oktober 2003 veröffentlichten Ergebnisse der britischen Farmscale–Versuche zur Entwicklung der Biodiversität beim Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen (http://www.pubs.royalsoc.ac.uk/phil_bio/fse_content/TB031899.pdf): Die Versuche lieferten scheinbar statistisch zuverlässige Daten. Beim Anbau von gentechnisch verändertem Raps und bei Rüben war die Biodiversität auf diesen herbizidtoleranten Versuchsfeldern geringer als auf Vergleichsfeldern mit konventionellen Sorten. Beim Anbau von Mais war das Bild umgekehrt und die Biodiversität auf den Feldern mit gentechnisch veränderten Pflanzen höher.
Jedoch: Es wurden in diesen Studien die eigentlichen Vorteile dieser neuen Technologie nicht voll ausgenutzt: Man kann beim Anbau der herbizidtoleranten Pflanzen und optimaler Anwendung des entsprechenden Herbizids ohne Pflügen auskommen; dies hat einen positiven Effekt auf den Boden. Auch ließe sich bei oft nur einmaliger Anwendung des Herbizids - erst nach dem Aufkommen der Unkräuter - viel gezielter vorgehen, Ackerrand- und Mittelstreifen von Bewuchs mit hoher Biodiversität wären besser zu managen. Insgesamt ist sich die Fachwelt einig, dass diese Versuche eigentlich nichts zur Grünen Gentechnik aussagen, aber viel zur Art und Weise, wie diese Felder bezüglich Herbiziden bewirtschaftet wurden. Schade zudem, dass in dieser Studie erstaunlicherweise auch Input- und Output – Daten fehlen, so zum Beispiel Erntedaten – fast nicht zu glauben.
2. Der neue Benbrook–Bericht, bei dem aufgezeigt wird, dass die verwendeten Herbizid-Mengen seit der Einführung von gentechnisch gezüchteten Nutzpflanzen zugenommen hätten. Auch hier zeigt sich das Bild bei näherem Hinsehen wesentlich differenzierter. Herbizid ist eben nicht gleich Herbizid:
Das Roundup Ready Herbizid, dass als Breitband-Herbizid eingesetzt wird, ist wesentlich umweltverträglicher, auch schont es ganz klar die Boden-Fruchtbarkeit und fördert sie bei richtiger Anwendung. Es werden zwar weniger andere Herbizide und Pestizide über die normalen Kulturpflanzen versprüht, aber diese wirken trotzdem wesentlich negativer auf die Umwelt. Wesentlich ist nicht die Menge der Herbizide und Pestizide, die gesprüht werden, sondern deren Umweltverträglichkeit.
Charles Benbrook Report Nov. 2003 http://www.biotech-info.net/Technical_Paper_6.pdf Gute Entgegnung: http://www.botanischergarten.ch/Maize/Parrott-Benbrook.pdf
Es wäre zu wünschen, dass die Diskussion um die Grüne Gentechnologie unter Berücksichtigung der oft komplexen landwirtschaftlichen Gegebenheiten geführt würde. Leider wird sie oft von Leuten dominiert, die eigentlich weder von Biodiversität noch von Landwirtschaft genauere Kenntnis haben.
Grüne Gentechnik und Biodiversität
In den letzten Monaten habe ich - unter Prüfung vom mehr als 3000 einschlägigen Publikationen – folgende Studie durchgeführt: Der Einfluss der Biotech-Landwirtschaft auf die Biodiversität. Hier der entsprechende Link: http://www.botanischergarten.ch/Biotech-Biodiv/Report-Biodiv-Biotech12.pdf
Trotz intensiver Suche ist es mir dabei nicht gelungen, wirklich negative Erscheinungen ausfindig zu machen, die direkt auf die gentechnisch veränderten Kulturpflanzen zurückzuführen sind. Die beiden scheinbaren Ausnahmen - die britischen Farmscale-Versuche und Benbrooks Resultate - wurden bereits oben diskutiert.
Die Geschichte hinter der Story
Dennoch halten sich in der allgemeinen europäischen Besorgniswelle (größtenteils eine Luxuserscheinung) hartnäckig Gerüchte, und die Presse, die löblicherweise ihr kritisches Handwerk ausübt, bringt lieber negative als positive Stories. Dabei gäbe es viel Positives zu erwähnen: Herbizidtolerante Gentech-Pflanzen, die zur Bodenfruchtbarkeit wesentlich beitragen, neuerdings auch Gentech-Pflanzen, die erröten, wenn sie direkt über Landminen wachsen: eine sehr praktische Angelegenheit, die Methode könnte viele Menschenleben retten.
Ein sehr unrühmliches Beispiel der Perpetuierung negativer Stories waren gewisse Presseberichte um die Vorkommnisse auf dem Hof des hessischen Bauern Glöckner, dem 4 Kühe wegstarben. Der Bauer nahm an, dass das Verfüttern von gentechnisch verändertem Mais dafür die Ursache gewesen sei. Syngenta, die diese insektenresistente und in Deutschland als Futtermittel zugelassene Bt-176 Maissorte entwickelte, unterstützte vorbehaltlos Untersuchungen zur Klärung dieser Frage und die unabhängigen Experten kamen eindeutig zum Schluss, dass bei den verendeten Kühen eine Bakterienvergiftung vorlag (Botulismus). Ein kausaler Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Bt-176 Mais konnte nicht festgestellt werden. Dies verwundert auch keineswegs, wäre doch dies der erste negative Vorfall gewesen unter Hunderttausenden von Kühen, an die dieser Gentech-Mais ohne jede gesundheitliche Folge verfüttert wurde. In einem ausführlichen Artikel zu diesem Fall in einem bekannten Nachrichtenmagazin wurden erstaunlicherweise diese Studienresultate beiseite gewischt, ein schon fast grotesker Fall von Verweigerung, wissenschaftlichen Fakten die notwendige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. |