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15.03.2004
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Statement Dr. Harald Seulberger: "Grüne Biotechnologie erobert die Welt - Wo bleibt Deutschland?"

Dr. Harald Seulberger

SunGene GmbH & Co. KGaA, Gatersleben

 

Grüne Biotechnologie erobert die Welt - Wo bleibt Deutschland?

 

Grüne Biotechnologie bewährt sich weltweit

Die wirtschaftliche Nutzung von Produkten aus der Grünen Biotechnologie schreitet weltweit rasant voran. Inzwischen werden global fast 70 Millionen Hektar an gentechnisch verbesserten Pflanzen angebaut. Der Flächenzuwachs lag 2003 bei 15%. Dabei werden transgene Pflanzen inzwischen von nahezu 7 Millionen Landwirten in 18 Ländern eingesetzt, 85% davon sind Kleinbauern aus Schwellen- und Entwicklungsländern.

Der großflächige Anbau und die Sicherheitsbegleitforschung der letzten 15 Jahre zeigen dabei ganz eindeutig: die heute zugelassenen transgenen Pflanzen und die daraus hergestellten Produkte sind mindestens so sicher wie konventionell gezüchtete Pflanzen. Dies wurde auch seitens der Bundesregierung mehrfach bestätigt.

 

Wirtschaftliches Potenzial der Grünen Biotechnologie

Die erste Produktgeneration der Grünen Biotechnologie umfasst hauptsächlich innovative Problemlösungen im Pflanzenschutz, d. h. für die Unkraut- und Schädlingsbekämpfung, und trägt primär zu einer höheren Wertschöpfung beim Landwirt bei. Im globalen Markt erhöht sie damit seine Wettbewerbsfähigkeit. Nach aktuellen Studien wird das Marktpotenzial für diese Produkte bis zum Jahr 2015 weltweit auf 30 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ein noch größeres Potenzial von über 100 Milliarden US-Dollar wird gemäß diesen Studien von den Produkten der zweiten und dritten Generation zu erwarten sein.

Diese umfassen Pflanzen mit Veränderungen des Gehalts oder der Zusammensetzung von wertvollen Pflanzeninhaltsstoffen. Durch das so veränderte Eigenschaftsprofil kann die Pflanze im Hinblick auf ihre jeweilige Verwendung erheblich an Wert gewinnen, wie etwa Pflanzenöle, die durch veränderte Fettsäurezusammensetzung helfen, Herz-Kreislauferkrankungen zu verhindern. Schließlich können gentechnisch veränderte Pflanzen als „grüne Fabriken“ dienen. Sie sollen künftig Materialien wie Kunststoffe, Fasern oder auch industrielle Fette und Öle auf ökonomische, umwelt- und ressourcenschonende Weise herstellen.

 

Trotz Bewegung in Brüssel, weiter Hürden in Berlin?

Entgegen dem internationalen Trend kommt die wirtschaftliche Nutzung der Grünen Biotechnologie in Europa und Deutschland seit Jahren nicht voran. Das 5-jährige de-facto-Moratorium für die Zulassung gentechnisch veränderter Nutzpflanzen in der EU sowie die Blockadepolitik aus dem Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) haben nahezu zu einem Stillstand auf diesem Arbeitsgebiet geführt. Landwirte und Verbraucher erhalten nicht die Chance, sich mit den Produkten der Grünen Biotechnologie vertraut zu machen.

Inzwischen haben sich die Voraussetzungen auf europäischer Ebene geändert und wir gehen davon aus, dass das Moratorium mit der europäischen Zulassung neuer GVO-Sorten bald auch praktisch fällt. Getragen von dieser positiven Entwicklung hat der Anbau von GVO-Mais in Spanien im letzten Jahr um etwa 30% zugelegt. In Deutschland hingegen werden immer wieder Hürden errichtet, die eine schnelle Nutzung und Weiterentwicklung dieser innovativen Technologie verhindern.

 

Keine Verschärfungen bei der Umsetzung der EU-Freisetzungsrichtlinie

Inzwischen wurde vom BMVEL die zügige Umsetzung der Freisetzungsrichtlinie in Aussicht gestellt. Auch wenn wir diesen längst überfälligen Schritt begrüßen, darf es dabei zu keinen nationalen Verschärfungen und zu keiner einseitigen Benachteiligung des Anbaus transgener Kulturpflanzen kommen.

Der neue Gesetzesentwurf stellt die Grüne Biotechnologie aber fälschlicherweise als Risikotechnologie dar und enthält Verschärfungen, die über die EU-Richtlinie hinausgehen. Sollten diese Verschärfungen, insbesondere hinsichtlich der Haftung, tatsächlich deutsches Recht werden, würden die Anwender von transgenen Kulturpflanzen so benachteiligt, dass die wirtschaftliche Nutzung der Grünen Biotechnologie in Deutschland praktisch unmöglich würde.

 

Nationale Haftungsregelungen ausreichend

Der neue Gesetzesentwurf enthält Verschärfungen, die sich insbesondere auf die Haftung beziehen. Dabei geht es primär um das Vorkommen von nicht vermeidbaren Spuren an gentechnisch verbesserten Pflanzen in konventionell oder ökologisch angebauten Produkten, die technisch bedingt bzw. durch Auskreuzungen im Rahmen der Koexistenz der verschiedenen Anbauformen entstehen könnten. Sollte ein Produkt deshalb mit abweichender Kennzeichnung und nur mit einem Preisabschlag verkauft werden können, könnte gemäß dem Gesetzesentwurf ein Haftungsfall entstehen. Durch die Einführung einer allgemeinen Verursachungsvermutung und einer damit im Zusammenhang stehenden gesamtschuldnerischen Haftung zulasten der GVO-Anwender werden diese in unakzeptabler Weise einseitig benachteiligt.

Das geltende deutsche Recht enthält bereits umfangreiche Regelungen zur Haftung. Es besteht kein Bedarf an der Änderung bestehender Haftungsgesetze und wir lehnen diese strikt ab. Mit den vorgesehenen Änderungen wird lediglich der an sicheren transgenen Pflanzen interessierte Landwirt von der Nutzung der Technologie abgeschreckt.

 

Register nicht missbrauchen

Ziel des Anbauregisters in der EU-Freisetzungsrichtlinie ist es vorrangig, den Behörden Hilfestellung für das sogenannte Monitoring zu geben, das sich bei Bedarf aus der Umweltverträglichkeitsprüfung ergeben kann. Daran muss sich auch die Umsetzung in deutsches Recht orientieren. Das BMVEL plant offensichtlich, dass über Register die genaue Lage der Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen zugänglich wird. Auch wir unterstützen den Ruf nach mehr Transparenz und Information. Aber diese Maßnahmen werden eher militante Gentechnikgegner unterstützen, die bereits in der Vergangenheit durch Zerstörungen große wirtschaftliche Schäden verursacht haben.

 

Entscheidungsfreiheit für den Anbau mit und ohne Gentechnik

Die deutsche Biotechnologieindustrie will eine verantwortungsbewusste Anwendung und Weiterentwicklung der Grünen Biotechnologie auf der Basis wissenschaftlicher Bewertungen und nachvollziehbarer Standards. Dies kann nur unter Praxisbedingungen gelingen. Dazu bedarf es neben einer Wahlfreiheit für die Konsumenten auch einer Wahlfreiheit für die Produzenten. In der Praxis benötigen wir also eine faire Koexistenz der verschiedenen Anbauformen mit und ohne Gentechnik.

Der Agrarkommissar der EU, Franz Fischler, hat den Mitgliedstaaten Leitlinien zur Koexistenz an die Hand gegeben. Ziel ist es, keine der Anbauformen zu benachteiligen    oder auszuschließen. Die Kommission hat sich bewusst für diese Rechtsform anstelle von starren gesetzlichen Einheitsregelungen entschieden. Leitlinien bieten den Landwirten die nötige Handlungsfreiheit, zugleich aber auch eine Orientierungslinie für die Anbaupraxis, die den regionalen Besonderheiten Rechnung trägt.

Wir unterstützen diesen Impuls der EU-Kommission und sind der Auffassung, dass der Landwirt selbst entscheiden soll, welche Anbaumaßnahmen für ihn effizient, kostengünstig und praktikabel sind, um die gewünschten Produktqualitäten zu erzielen. Wir fordern daher, so schnell wie möglich in Abstimmung und im Dialog mit der Landwirtschaft und unterstützt durch die Politik mit Erprobungsanbauprogrammen in Deutschland zu beginnen. Sie sollen helfen, die jeweils konkreten und sinnvollen regionalen Maßnahmen für die Koexistenz zu beschreiben. Eine Festlegung von Koexistenzmaßnahmen am grünen Tisch ist aus unserer Sicht hierbei wenig zielführend.

 

 

Nationale Biotechnologiestrategie mit sicherem Umfeld für die Grüne Gentechnik

Die EU-Kommission hat in ihrem Aktionsplan zur Förderung der Biowissenschaften die politischen Entscheidungsträger aufgefordert, eine von Sachlichkeit geprägte Führungsrolle in der Gentechnik-Diskussion zu übernehmen. Die Bundesregierung sollte diese Chance ergreifen und eine nationale Umsetzungsstrategie für die Biotechnologie entwerfen, die auch ein sicheres rechtliches Umfeld für die Grüne Gentechnik schafft. Und die Zeit drängt: Unternehmen und Fachkräfte wandern ins Ausland ab, Start-ups auf dem Gebiet der Grünen Biotechnologie können kaum noch Finanzmittel einwerben oder sind von Insolvenz bedroht.

Die Grüne Biotechnologie trägt seit über zehn Jahren in fast allen Teilen der Erde zu einer effizienteren und Ressourcen-schonenderen Landwirtschaft mit qualitativ besseren Produkten bei. Viele Regionen, mit denen wir im globalen Wettbewerb stehen, haben die Weichen gestellt: Dort beobachten wir eine steigende Zahl von Zulassungen für gentechnisch verbesserte Pflanzen und kontinuierlich wachsende Anbauflächen. Auch die Europäer und wir Deutschen sollten eigene Innovationen der Grünen Biotechnologie fördern. Es bleibt uns noch eine Chance, das Label "Green Biotechnology made in Germany" zu einem Gütezeichen für Wissenschaft, Wirtschaft und Landwirtschaft zu machen. Aber dafür brauchen wir jetzt eindeutige politische Signale aus allen zuständigen Ministerien. Anderenfalls wird Deutschland den Anschluss bei dieser innovativen Technologie verpassen.


© DECHEMA e.V. 1995-2009, Last update am 15.07.2008 von Claudia Rinck