Statement
WZW, Technische Universität München, Freising
Satt und mutlos ins Abseits –
Welche Chancen vergeben wir auf gentechnikfreien Feldern?
Erfolgreiche Pflanzenzüchtung heißt – wie in allen anderen Wirtschaftszweigen - ein schwer erreichbares Ziel mit modernster Methodik anzugehen. Alles andere ist Geldverschwendung. So beruhte die Produktionssteigerung im 20. Jahrhundert recht gleichmäßig auf mutiger Nutzung von wissenschaftlichem Fortschritt in Züchtung, Agrochemie und Agrartechnik. Die Kooperation war so erfolgreich, dass in großen Teilen der Welt Hunger zum Fremdwort wurde und viele Deutsche so satt sind , dass ihnen weiterer Fortschritt in der Pflanzenproduktion unnötig erscheint. Ähnlich viele sprechen sich aber zum Beispiel für den Erhalt der Regenwälder aus und vergessen, dass zwischen beidem ein globaler Zusammenhang besteht. Nur wenn auf den jetzt verfügbaren Flächen die Produktion weiter optimiert wird, kann – politische Vernunft vorausgesetzt – auf umfangreiche Rodungen verzichtet werden. Heute sind unter dem Aspekt erhöhter Produktion Agrochemie und Agrartechnik ausgereizt. Fortschritt dort dient vor allem besserer Umweltverträglichkeit. Als Folge steigt der Ertragszuwachs inzwischen deutlich langsamer als vor 20 Jahren, und beim Weizen, der weltweit drittwichtigsten Nahrungspflanze ist in letzen 10 Jahren ein Zuwachs ausgeblieben.
Die Natur schuf in der Evolution mit Versuch und Irrtum, riesigen Zahlen und langen Zeiträumen eine unglaubliche Dynamik, in der der Mensch nur mit Einfallsreichtum überleben kann. Vor 10 000 Jahren begann er einzugreifen und züchtete zunächst unbewusst, dann mit Empirie und schließlich wissenschaftlich untermauert aus Wildpflanzen Kulturpflanzen, die ihm erlauben von immer weniger Land mehr Menschen zu ernähren. Die Erträge stiegen zum Beispiel beim Weizen von unscheinbaren 3 dt/ha auf Durchschnittswerte von über 70dt/ha. Dieser Eingriff in die Natur war so dramatisch, dass vielen Kulturpflanzen die selbständige Überlebensfähigkeit verloren ging. Sie sind auf den Mensch und dessen ackerbauliche Schutzmaßnahmen angewiesen. Wild-wuchernde Kulturpflanzen sind keine Realität sondern wilde Spekulation.
Dies gilt auch für gentechnisch veränderte Pflanzen: Versuchsergebnisse belegen, dass ein gentechnisch übertragenes Gen durch Pollenflug keine andere Ausbreitung erfährt wie eine klassisch übertragene Qualitätseigenschaft. Ein vernünftiger Schwellenwert von 0,5% (was etwa der Hälfte des Grenzwertes für Saatgutreinheit entspricht) würde das derzeit intensiv diskutierte Problem der Koexistenz von Betrieben mit und ohne Gentechnik weitgehend lösen.
Dabei ist Gentechnik wesentlich mehr als die herbizidresistente Nutzpflanze! Gentechnik schafft Wissen über komplexe biologische Vorgänge! Gleichzeitig bringt dieses Wissen in Form von Saatgut z.B. mit Resistenz gegenüber Schädlingen unmittelbaren Nutzen. Die Gentechnik veränderte die zunächst deskriptive Biologie in eine konstruktive, ein Wandel, der wegen der ungeheueren Komplexität des Lebendigen 100 Jahre später als in Chemie und Physik einsetzte. In der Humanmedizin ist dies erkannt und akzeptiert, jetzt müssen diese Möglichkeiten vor allem durch Einlagerung von Stresstoleranz gegen Umweltfaktoren wie Wassermangel, Hitze oder Kälte genutzt werden. Mit klassischer Züchtung sind diese Ziele aufgrund der Komplexität dieser Eigenschaften nur in langen Zeiträumen zu verwirklichen. Dauert die Einzüchtung einer Eigenschaft, die nur auf einer einzigen Erbinformation beruht, klassisch bereits 10–15 Jahre, muss der Züchter für die Einlagerung komplexer Merkmale leicht die doppelte Zeit einkalkulieren.
Es gelang in den letzten fünf Jahren, die verantwortlichen Gene für eine Reihe wichtiger Krankheiten im Erbgut von Nutzpflanzen zu lokalisieren und ihre Funktion zunehmend aufzuklären. Linien stehen bereit, bei denen auch komplexe Resistenzen, wie z.B. gegen den Toxine abgebenden Getreideschadpilz Fusarium, gentechnisch oder durch Einsatz anderer molekularer Werkzeuge eingebracht wurden. Derartige Sorten sichern nicht nur den Ertrag beim Landwirt und die Qualität beim Verbraucher, sondern haben den zusätzlichen ökologischen Vorteil, dass weniger chemischer Pflanzenschutz ausgebracht werden muss.
Sicherlich wird weiterhin das gros der ca. 30 000 Gene – die genetische Suppe - durch klassische Züchtung neu kombiniert; die Genübertragung kann die Rolle des Salzes in dieser Suppe übernehmen. Dabei ist es vielleicht hilfreich, wenn Gesetze überwachen, dass nicht zu salzig gegessen wird, es wäre aber fatal, wenn befohlen würde, salzlos zu essen – auch wenn dies sehr viel gesunder sein soll und wir vielleicht zu mutig Salz essen. Ich bin für Wahlfreiheit und möchte mich für die umweltfreundliche, qualitativ hochwertige, gentechnisch optimierte Kartoffel entscheiden können! Schön wäre es, wenn dieser Fortschritt nicht aus China importiert werden müsste, sondern auf einem Feld in Deutschland eine Chance hat. |