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Press release ¤ Information de presse

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11.10.2004
Kontakt/Contact:
Dr. Christina Hirche
Tel. ++49 (0) 69 / 75 64 - 2 77
Fax ++49 (0) 69 / 75 64 - 2 72
e-Mail:

Pressegespräch zur  5. International Conference on Systems Biology

 

 

Statement

Prof. Dr. Dieter Oesterhelt
Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie, Martinsried
Vorsitzender des Lenkungsgremiums für den BMBF Förderschwerpunkt Systembiologie

 

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

 

Systembiologie – neue Ansätze für die biomedizinische Forschung

Systembiologie, im Englischen auch „systems biology“ genannt, ist ein neues Fach­gebiet auf dem Gebiet der Biowissenschaften und hat mit systematischer oder systemischer Biologie wenig zu tun. Entstanden aus einer profunden Verknüpfung von Biowissenschaft mit Informations- und Ingenieurswissenschaften hat die Systembiologie das Ziel, Teile einer Zelle, eine ganze Zelle oder gar Organismen in der Ganzheit ihres molekularen Geschehens durch Modellbildung zu erfassen: Eine „in silico Zelle“ ist die Vision. Hierbei spielen systemtheoretische und informations­technische Methoden eine ebenso wichtige Rolle wie die biowissen­schaftliche Daten­erfassung.

Eine wesentliche Voraussetzung für die Systembiologie war die Entwicklung von Mikro- und Hochdurchsatzmethoden, die unvorstellbare Mengen biologischer Daten an Biosystemen automatisch zu erfassen gestatten. Eine solche Datengrundlage ist einerseits die Voraussetzung zur Modellierung komplexer lebender Systeme, anderer­seits erzeugt sie den Zwang zur Vereinheitlichung der Datenerfassung, der Datenverarbeitung und der Datenverwaltung in der interdisziplinären Arbeit von Ingenieuren, Informatikern und Biowissenschaftlern. Damit ist die Biowissenschaft in eine Phase getreten, die aus der Physik schon lange bekannt ist und mit dem Schlag­wort „big science“ belegt wird. Nur Consortien von Wissenschaftlern, die an einem Projekt wirklich „vernetzt“ arbeiten, können systembiologische Probleme behan­deln und lösen.

Ziel der Systembiologie ist also, komplexe biologische Prozesse mit einem experi­men­­tell dichten Datennetz zu überziehen, um dann durch Generierung von Model­len das System rechner­gestützt zu beschreiben. Diese Modelle („Modellraum“) müssen in der Lage sein, Voraussagen über das wirkliche Verhalten des Systems zu treffen. Sie werden damit der experimentellen Überprüfung zugänglich. Die Veri­fizierung, besser Falsifizierung der Voraussage durch das biochemisch-physio­logische Experiment erlaubt die Einengung des Modellraums und in einem iterativen Prozeß von Voraussage und Falsifikation im Idealfall die Präzisierung bis zu einem einzigen konsistenten Modell des Systems.

Dieser Prozeß findet derzeit in zwei sich ergänzenden Ansätzen statt. Zum einen in dem „top-down Ansatz“, wo mit der Kenntnis der gesamten genetischen Infor­mation eines Organismus eine sogenannte genomweite Modellierung z.B. des Stoff­wechsels der Zelle vorgenommen wird. Der ergänzende Ansatz ist ein „bottom-up An­satz“, wo aus der Kenntnis der Eigenschaften einzelner Moleküle und ihrer Wech­sel­­wirkungen das Gesamtsystem wie ein Puzzle zusammen­gesetzt wird und dann ebenfalls Modellcharakter gewinnt. Naturgemäß ergänzen sich beide Ansätze, so z.B. der genomweite Ansatz für die Modellierung des Stoffwechselgeschehens einer Zelle, und der „bottom-up Ansatz“ für die detaillierte Modellierung des spezi­fischen Teilgeschehens einer Zelle, z.B. eines spezifischen Signaltransduktions­netzwerkes.

Die Leberzelle im Visier

Das vom BMBF initiierte Förderprogramm „Systeme des Lebens – Systembiologie“ folgt der Vision, in einer höheren Zelle die komplexen und dynamischen Abläufe durch Datenerhebung im umfänglichen Sinn zu modellieren und so eine virtuelle Zelle zu schaffen. Alles oben Gesagte kommt hier in besonders vielfältiger Weise zusammen: Interdisziplinarität, Koordination, Abstimmung von experimentellen Protokollen und Rechnermethoden und Konzentrierung auf thematische Schwer­punkte. Da die virtuelle Leberzelle, der Hepatozyt, wohl kaum in absehbarer Zeit als Ganzes in silico darstellbar sein wird, beschränkt sich das Programm auf zwei der wichtigsten Module: die Dedifferenzierung und die Detoxifizierung. Mit diesen Schwer­punkten wird der enormen medizinischen Bedeutung des Hepatozyten Rechnung getragen.


© DECHEMA e.V. 1995-2009, Last update am 15.07.2008 von Claudia Rinck