Rede von Dr. Alfred Oberholz, Vorsitzender der DECHEMA, anläßlich des Festkolloquiums zur Verleihung des DECHEMA-Preises 2005 am 25.11.2005 an Professor dr. ir. Pieter J. Jansens.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu unserem heutigen Festkolloquium zur Vergabe des DECHEMA-Preises 2005.
Die heutige Preisverleihung ist für die DECHEMA kein Selbstzweck. Sie ist vielmehr sozusagen ein Leuchtturm in der Landschaft der uns bewegenden Probleme und Aufgaben. Lassen Sie mich deshalb zu Beginn einen Blick in diese Landschaft werfen und Ihnen ein wenig darstellen, wie wir uns darin bewegen.
Zukunftsforscher publizieren gern Listen der großen Weltprobleme, vor denen die Menschheit steht, und kommen dabei locker auf zehn. Dieser Versuchung will ich nicht erliegen. Das bald zu Ende gehende Jahr hat uns jedoch mindestens zwei große Probleme viel deutlicher vor Augen geführt als in der Vergangenheit. Die Stichworte lauten: Energie und Klima. Diese beiden Themen provozieren dann sofort zwei Fragen: Wie reagieren wir mit unserer Forschung darauf? – und – Wie halten wir es mit der Nachhaltigkeit?
Beginnen wir mit der Energie. Die Explosion der Benzinpreise an den Tankstellen hat uns unsere fast ohnmächtige Abhängigkeit schockierend offenbart. Wir können frustriert über den Spekulationsanteil im Barrel-Preis räsonieren, ändern wird das wenig. Treibt heute noch die Spekulation die Preise in die Höhe, dann wird morgen die reale Verknappung das gleiche bewirken – vermutlich noch bevor wir das Problem der Spekulation im Griff haben. Wie wir es auch wenden, von einer Energieversorgung, die das Attribut nachhaltig verdient, sind wir noch sehr weit entfernt. Was können wir tun?
Wir müssen heute eine Energiewelt zumindest in unseren Köpfen, in unserer Forschung und auf aussichtsreichen Wegen auch in unserer technischen Entwicklung entwerfen, die ohne Erdöl und Erdgas auskommt. Mit Fischer-Tropsch können wir zum Beispiel Benzin aus Kohle machen. Wir waren darin einmal Weltmeister. Nach Südafrika wird vermutlich China diesen Weg beschreiten. Als wir kürzlich mit unseren chinesischen Partnern die Möglichkeit einer internationalen Konferenz zum Thema Fischer-Tropsch besprochen haben, mußten wir betreten feststellen, daß wir auf diesem Gebiet kaum noch deutsche Experten haben.
Wir werden auch unser Verhältnis zur Kernenergie noch einmal überdenken müssen. Auch sie ist keine Jahrtausendtechnik, aber sie kann uns helfen, Zeit zu gewinnen für den Umbau unserer Energielandschaft.
Eine weitere Option sind nachwachsende Rohstoffe. Bioethanol ist plötzlich am Markt wieder prinzipiell konkurrenzfähig. Wir haben deshalb in unserem Positionspapier zur Weißen Biotechnologie deutlich auf diese Potentiale hingewiesen.
Zur Förderung der Weißen Biotechnologie haben wir uns eng mit anderen Partnern zusammengeschlossen. Weder in der Energietechnik noch in der Chemischen Technik beansprucht die Biotechnologie ein Problemlösungsmonopol. Sie bietet aber überall große Chancen, die es zu nutzen gilt. Noch sind wir auf diesem Gebiet in Deutschland sehr leistungsfähig. Dies wird aber nur so bleiben, wenn wir uns nicht auf die Forschungsförderung beschränken, sondern die erzielten Ergebnisse auch umsetzen. Wir fordern die Freiheit, aus Inventionen dann auch Innovationen machen zu dürfen. Das klingt trivial, aber gerade die Biotechnologie zeigt, daß es das nicht ist. Wenn sich Politiker zu nachwachsenden Rohstoffen bekennen und gleichzeitig die Anwendung der Grünen Gentechnik blockieren, dann ist das entweder Dummheit oder Verantwortungslosigkeit. Beides ist nicht tolerabel.
Zwei Überlegungen müssen wir der Politik nahebringen. Da wird mit Recht immer wieder auf die angespannte Haushaltslage hingewiesen. Wir leisten es uns aber, mit Steuergeldern die Forschung auf dem Gebiet der Grünen Gentechnik zu fördern, doch auf die aus der Anwendung resultierenden Zuwächse des Bruttosozialproduktes, die schließlich auch zusätzliche Steuereinnahmen bewirken, verzichten wir. Schuld an dieser Misere ist auch die Zersplitterung der Zuständigkeiten auf verschiedene Ministerien, die nicht miteinander kooperieren, sondern gegeneinander konkurrieren. Wir hoffen, daß es der neuen Bundesregierung gelingt, die Kohärenz und Konsistenz politischen Handelns deutlich zu verbessern. Ein weiterer Punkt ist die abenteuerliche deutsche Selbstüberschätzung, die sich hinter der Blockade der Grünen Gentechnik verbirgt. Länder wie China und Indien, die zusammen die halbe Weltbevölkerung stellen und diese ernähren müssen, können und werden es sich nicht leisten, fahrlässig auf die Chancen der Grünen Gentechnik zu verzichten. Verantwortung wahrnehmen hieße deshalb für uns, in der Entwicklung und Anwendung einer sicheren Grünen Gentechnik eine Vorreiterrolle zu besetzen und dieses Wissen anderen Ländern zur Verfügung zu stellen.
Doch zurück zur Energie. Das in Deutschland nutzbare Potential der Windenergie ist weitgehend ausgeschöpft. Die Frage, ob wir uns in absehbarer Zeit diese Energie auch subventionsfrei leisten können, ist wohl noch offen.
Wie steht es mit der Solarenergie? Ist es wirklich aussichtslos, unsere Dachflächen als Energiequellen zu nutzen? Ist unsere Forschungs- und Technologieförderung auf diesem Gebiet wirklich schon ausreichend? Wir müssen daran erinnern, daß wir auch die Kerntechnik nur mit einer immensen staatlichen Anschubförderung in den Zustand einer technisch-wirtschaftlichen Realität geführt haben. Die großen Forschungszentren unseres Landes haben das „Kern“ in ihrer Bezeichnung längst gestrichen, aber kein einziges hat es durch „Solar“ ersetzt. Warum? Vielleicht haben wir uns doch mit dem Energiesystem, das wir haben, einfach zu sicher gefühlt.
Technisch einsatzfähige Photovoltaik-Module gibt es bereits. Gewiß, sie sind noch zu teuer und müssen ebenfalls wie Windenergie subventioniert werden – aber muß das wirklich so bleiben? Vielleicht liegt hier sogar das Problem. Wer tätigt schon gern eine Investition, die sich nur im Vertrauen auf eine zwanzigjährige Subventionskontinuität der Politik rechnet?
Noch fehlen uns auch für einen breiten Einsatz der Photovoltaik wirklich vernünftige Speichersysteme. Wenn es aber gelänge, die Speicherdichte von Lithium-Ionen-Batterien, die wir schon heute im Handy haben, durch neue Membransysteme auf Basis der Nanotechnologie bis in die Nähe flüssiger Energieträger zu steigern – und wir arbeiten daran – dann könnte plötzlich der Solarenergie vielleicht doch die Sonne scheinen. Wir müssen dann nur noch ein wenig umdenken und unser zentralistisches Energiesystem schrittweise dezentralisieren.
Die installierte Kraftwerksleistung unseres Landes liegt bei rund 100.000 Megawatt. Wir produzieren jährlich über fünf Millionen Personenkraftwagen. Das sind fünf Millionen dezentralisierte Energieumwandlungsmaschinen mit einer Gesamtleistung von rund 200.000 Megawatt. Noch einmal: pro Jahr nehmen wir mit unseren neuen Autos eine Energieumwandlungsleistung in Betrieb, die dem doppelten unserer Kraftwerksleistung entspricht. Gibt es irgendein technisches oder wirtschaftliches Prinzip, das uns zwingt, diese Fähigkeit zur Dezentralisierung für immer exklusiv auf die Mobilität zu beschränken?
Meine Damen und Herren,
einige der von mir gestellten Fragen können weder einfach noch schnell beantwortet werden. Aber sie fordern bald eine Antwort. Energieumwandlung ist fast immer eine Form der Chemischen Technik oder zumindest an die Nutzung von Materialien gebunden, die von der Chemie bereitgestellt werden. Deshalb ist auch dieses Thema ein DECHEMA-Thema. Die Kooperation mit anderen Organisationen ist eine unserer besonderen Stärken. Wir werden uns demnächst mit anderen Playern auf dem Gebiet der Energie zusammensetzen und darüber sprechen, ob wir nicht einen gemeinsamen Ad-hoc-Arbeitskreis „Energie“ gründen sollten. Wir müssen uns bereits heute intensiv damit beschäftigen, wie wir unsere Technik für ein Zeitalter nach dem Öl gestalten können. Die Frage, wann dieses auf das Jahrzehnt genau beginnen wird, ist dabei eher belanglos. Eben weil wir das Öl noch sehr lange brauchen werden, ist es klug, schon heute alle sich technisch und wirtschaftlich anbietenden Substitutionspotentiale zu entwickeln und zu nutzen und so die Reichweite der Ölvorräte zu strecken. Ich bin sicher, daß wir dazu einiges beitragen können. Auch zur ACHEMA werden wir dieses Thema aufgreifen.
Das zweite Stichwort heißt Klima. Von überall haben uns in den letzten Jahren Nachrichten über einen Jahrtausendsommer, über Jahrhundertfluten und über Wirbelstürme bisher unbekannter Stärke erreicht. Seit wir uns dessen bewußt sind, benutzen wir das Wort Klimaschutz in einem doppelten Sinn. Zum einen meinen wir den Schutz unseres Klimas gegen potentiell weitere anthropogene Einflüsse. Zum anderen meinen wir unseren Schutz gegen weitere, nicht mehr aufhaltbare Veränderungen des Klimas – seien sie anthropogen oder natürlich, das spielt in diesem Falle keine Rolle mehr. Auch hier sind wir mit unserem Forschungsausschuß Umwelttechnik, unserem Arbeitsausschuß zur Chemie der Atmosphäre und der Fachgemeinschaft SUPER gut aufgestellt. Das BMBF hat die DECHEMA mit der Vorbereitung neuer Förderaktivitäten für den Klimaschutz beauftragt.
Vieles von dem, was ich zur Energie gesagt habe, steht über die Beeinflussung der Kohlendioxid-Emissionen auch in einem engen Zusammenhang mit dem Klima. Deshalb werden wir auch auf diesem Gebiet unsere Aktivitäten künftig noch erweitern und unseren Einfluß im Konsens mit anderen starken Organisationen noch verstärken.
Energie und Klima – beide Themen definieren auch den Ernst unseres Umganges mit dem Begriff Nachhaltigkeit. In der Europäischen Technologie-Plattform Sustainable Chemistry sind wir stark vertreten und setzen uns dafür ein, den hierzu notwendigen Forschungsanstrengungen im 7. Forschungsrahmenprogramm der EU einen gebührenden Stellenwert zu sichern. Wir haben drei Schwerpunkte gesetzt: die Industrielle – also die Weiße – Biotechnologie, die Materialtechnik und das Reaktions- und Prozeßdesign. Den Rückhalt für unser europäisches Engagement in der deutschen Fachcommunity besitzen wir über unsere Fachsektion und unseren Forschungsausschuß Biotechnologie. Mit unserem Forschungsausschuß Chemische Reaktionstechnik und der zur letzten Jahrestagung gegründeten Fachsektion Prozeßintensivierung werden wir auch beim Reaktions- und Prozeßdesign intensiv unterstützt. Es sind die in der DECHEMA, in unseren Fachsektionen und Forschungsausschüssen engagierten Mitglieder, die unserer Stimme in Brüssel den notwendigen Einfluß sichern.
Zwei besondere Stichworte habe ich erwähnt, die Weiße Biotechnologie und neue Batteriespeicher auf Basis der Nanotechnologie. In den letzten Jahren haben wir zwei Wissenschaftler mit dem DECHEMA-Preis ausgezeichnet, die genau auf diesen Gebieten tätig sind und Hervorragendes geleistet haben. Dies belegt sehr eindrucksvoll meine eingangs getroffene Feststellung, daß die DECHEMA-Preise wie Leuchttürme in der von uns mitgestalteten Forschungslandschaft stehen.
Meine Damen und Herren,
ich komme damit zum eigentlichen Anlaß unseres heutigen Festkolloquiums, dem DECHEMA-Preis der Max-Buchner-Forschungsstiftung und möchte Sie, Herr Professor Jansens, als unseren diesjährigen Preisträger ganz herzlich begrüßen.
Der DECHEMA-Preis war lange Zeit nur deutschen Wissenschaftlern vorbehalten. Nach der 50. Preisvergabe im Jahr 2000 haben wie die Ausschreibung für alle Europäer geöffnet. Sie, Herr Jansens, sind nun der erste ausländische Wissenschaftler, der diesen Preis bekommt.
Sie wurden 1966 geboren und haben an der Technischen Universität Delft Chemieingenieurwesen studiert und dort 1994 mit einer Arbeit über „Fractional Melt Crystallisation of Organic Compounds“ promoviert. Sie gingen anschließend in die Industrie in das Shell International Chemicals B.V. Research and Technology Center in Amsterdam. Dort arbeiteten Sie zunächst an der Entwicklung des CARILON Polymerisationsprozesses zur Herstellung von Polyketonen. In Zusammenarbeit mit ABB Lummus widmeten Sie sich dann der Entwicklung eines Produktionsprozesses für SMPO Styrene Monomer Propylene Oxide in Moerdijk und Singapur. 1997 wechselten Sie zur Shell Eastern Petroleum Co. in Singapur, um dort den Betrieb der Anlagen für SMPO und Äthylbenzol zu übernehmen, dessen industrielle Realisierung Sie in Singapur begleiteten. Im Jahr 2000 nahmen Sie einen Ruf der TU Delft auf einen Lehrstuhl für Trenntechnik am Laboratory for Process Equipment an. Seit 2003 leiten Sie zusätzlich das Delft Center for Sustainable Industry Processes. In der Working Party Industrial Crystallisation unserer der Europäischen Föderation für Chemieingenieurwesen sind Sie der niederländische Delegierte. Die Zeitschrift Chemical Engineering Research & Design beraten Sie im Editorial Board.
Ihr wissenschaftliches Thema, mit dem Sie sich internationale Anerkennung erworben haben, ist die Kinetik und Modellierung von Kristallisationsprozessen. Ausgehend von den Ergebnissen der Grundlagenforschung, in die Sie thermodynamische Prinzipien, Molecular Modelling, die dynamische Prozeßsimulation und die Fluiddynamik einbeziehen, beschäftigt Sie die Anwendung dieser Ergebnisse bei der Auslegung industrieller Kristallisatoren und bei deren Regelung. In dieser Kombination von Grundlagenforschung und deren industrieller Anwendung erfüllen Sie genau die Kriterien für den DECHEMA-Preis. |